Vorwort Programm April– Juni 2019

Vorwort 0406 2019 - Vorwort Programm April– Juni 2019

Vorwort Programm April– Juni 2019

Im Rampenlicht

Als ich im letzten Herbst an einem Salzburger Gymnasium Deutsch unterrichtete, sagte ich einmal zu meinen Schülerinnen und Schülern der vierten Klasse: „Nächste Woche gehen wir in das kleine theater.“ Auf die Frage, was wir uns dort ansehen würden, sagte ich: „Nichts! Wir spielen selbst.“ Wir hatten die Möglichkeit, eine Stunde lang das Theater für unsere Zwecke benutzen zu können. Die Schülerinnen und Schüler bekamen die Aufgabe, allein oder zu zweit etwas vorzubereiten, das sie dann auf der Bühne präsentieren sollten. Einige arbeiteten ernsthaft an ihrem Auftritt, der ungefähr fünf Minuten dauern sollte, andere wiederum, die besonders Coolen, sahen das als Aufgabe, die man ganz nebenbei erledigen würde. Alex und Dean meinten überhaupt, nichts vorbereiten zu wollen, denn sie würden es machen wie die Comedians und Kabarettisten im Fernsehen. Die stellen sich einfach auf die Bühne, sagen, was ihnen gerade einfällt und bekommen sogar Geld dafür.

Als wir dann im Theater waren, wollte zuerst niemand auf die Bühne gehen, ich jedoch verlangte von allen einen Auftritt. Die gut Vorbereiteten, nervös wie alle anderen auch, machten ihre Sache ganz gut. Die sogenannten Coolen jedoch stammelten mit hochrotem Kopf irgendetwas Unverständliches, schämten sich fast, im Scheinwerferlicht vor ihren Mitschülern und Mitschülerinnen stehen zu müssen, in einem fremden Raum, wo alle Aufmerksamkeit auf sie gerichtet war. Alex und Dean wollten überhaupt so schnell wie möglich wieder von der Bühne weg. Ich zwang alle, eine gewisse Zeit auf der Bühne zu stehen oder zu sitzen, auch wenn sie nichts zu sagen hatten. Für manche wurden das sehr lange Minuten. Als letzte kam Miriam an die Reihe. „Ich weiß nicht, was ich tun soll“, sagte sie, „ich habe in den letzten Stunden gefehlt“. Ich sagte ihr, sie soll zu ihrer Klasse reden. Nach anfänglichem Zögern begann sie, über jeden Einzelnen, über jede Einzelne in ihrer Klasse etwas zu sagen. Das war manchmal sehr kritisch bis hart, manche mussten sich anhören, dass sie sich im Schutz ihrer Gruppe großmaulig verhielten, aber auf sich allein gestellt völlig kleinlaut und feig waren. Von anderen sprach sie wiederum rührend und freundlich. Einige Schülerinnen und Schüler begannen zu lachen, andere vergruben sich in ihren Sitzen und waren froh, als Miriam endlich fertig war und erhobenen Kopfes die Bühne verließ.

Das Erleben eines nicht vertrauten Raumes, die besondere Situation, die Scheinwerfer, die Einsamkeit auf der Bühne, die Erwartungshaltung des Publikums in den Zuschauerreihen, all das zeigte, wie klein, wie unbedeutend, wie ausgeliefert man auf einer Theaterbühne ist, aber auch, wie groß und bedeutend man plötzlich werden kann. Auf der Fahrt zurück zur Schule waren die Schülerinnen und Schüler ziemlich ruhig im Bus, das soeben Erlebte hat sie wohl noch sehr beschäftigt. Ich fragte mich heimlich, wie es mir wohl ergangen wäre, wenn einer meiner Lehrer seinerzeit mit uns so ein Experiment gemacht hätte.

Peter Blaikner